Der Schweizer NGO-Sektor ist kein Nischenbereich des Arbeitsmarktes. Er ist Teil eines breiten und sichtbaren Non-Profit-Ökosystems, das im ganzen Land Tausende von Organisationen umfasst – von lokalen Vereinen und Stiftungen bis hin zu internationalen NGOs und Interessenverbänden. Das Handelsregister zählt 7328 aktive NGO-ähnliche Einrichtungen in der Schweiz, während allein der Schweizer Stiftungssektor per Ende 2023 13’880 registrierte Stiftungen umfasst. Genf vermittelt einen Eindruck von dieser Dichte: Nach Angaben des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten EDA sind dort fast 400 NGOs ansässig, und eine separate Erhebung ermittelte 759 NGOs, die im «Internationalen Genf» tätig sind.
Diese Konzentration von Organisationen spiegelt sich auch in einer beachtlichen Anzahl an Arbeitsplätzen wider: Rund vierzig internationale Organisationen mit mehr als 25’000 Beschäftigten haben ihren Sitz in der Schweiz, vorwiegend in der Genferseeregion, und die in Genf ansässigen NGOs beschäftigen darüber hinaus noch Tausende weitere Mitarbeiter. In der Stichprobe zum «Internationalen Genf» wurde festgestellt, dass NGOs 3’146 Mitarbeiter beschäftigen, wobei die meisten Organisationen hinsichtlich der Mitarbeiterzahl klein oder mittelgross bleiben. Mit anderen Worten: Der NGO-Sektor in der Schweiz ist nicht nur gesellschaftlich wichtig, sondern auch ein bedeutender Arbeitgeber.
Genau deshalb ist Lohntransparenz von Bedeutung. In einem Sektor, der auf öffentlichem Nutzen, sozialer Zielsetzung und Vertrauen basiert, sollte es nicht normal sein, dass Arbeitssuchende und Beschäftigte fast ohne verlässliche Vergleichswerte in Lohnverhandlungen gehen. Allzu oft bewerben sich Menschen auf Stellen, ohne zu wissen, was für ihre Ebene, ihre Funktion oder ihren Standort als faire Bezahlung gilt. Arbeitgeber stützen sich derweilen auf unvollständige Marktinformationen oder interne Präzedenzfälle. Die Folge sind unausgewogene Verhandlungen, Unsicherheit und mitunter Frustration auf beiden Seiten.
Kampajobs hat diese anonyme Lohnumfrage ins Leben gerufen, um ein klareres Bild zu schaffen. Das Ziel ist einfach: fundierte, praxisnahe Daten zu den Lohnniveaus im Schweizer NGO-Sektor zu sammeln und diese in nützliche Informationen für diejenigen umzuwandeln, die in diesem Sektor arbeiten, dort Personal einstellen oder sich ihm anschliessen möchten. Bessere Informationen helfen Bewerbenden, sich auf Verhandlungen vorzubereiten, ermöglichen es Organisationen zu überprüfen, ob ihre Angebote wettbewerbsfähig sind, und tragen dazu bei, dass der Sektor insgesamt offener über Arbeitsbedingungen spricht.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum dies gerade jetzt wichtig ist. Aktuelle Erkenntnisse aus Genf zeigen einen Sektor unter Druck: Die Hälfte der befragten internationalen NGOs berichtete von einem Rückgang der Einnahmen zwischen 2024 und 2025, und die Hälfte gab an, bereits arbeitsplatzbezogene Sparmassnahmen wie Stellenabbau, Arbeitszeitverkürzungen oder Lohnstopps umgesetzt zu haben. In einem solchen Umfeld gewinnen transparente Lohn-Benchmarks nicht an Bedeutung, sondern verlieren sie. Sie helfen dabei, vorübergehende Sparmassnahmen von struktureller Unterbezahlung zu unterscheiden, und erleichtern es, Vergütungsfragen anhand von Fakten statt auf der Grundlage von Vermutungen zu erörtern.
Eine gute Lohnumfrage leistet mehr, als nur Zahlen aufzulisten. Sie kann Muster über verschiedene Job-Ebenen hinweg aufzeigen, Unterschiede zwischen Funktionen offenlegen und verdeutlichen, wo Erwartungen und Realität auseinandergehen. Im Laufe der Zeit können solche Erkenntnisse zu einer faireren Personalauswahl, glaubwürdigeren Lohn-Spannen und einer stärkeren Mitarbeiterbindung beitragen. Sie können zudem dazu beitragen, eine der stillen Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt abzubauen: den Vorteil, den Personen geniessen, die bereits über Insiderwissen oder ein stärkeres Verhandlungsvertrauen verfügen.
Diese Umfrage wurde vom Kampajobs-Team mit Unterstützung von Personalfachleuten aus dem NGO-Bereich entwickelt. Das ist wichtig, da die Fragen von Personen gestaltet wurden, die verstehen, wie die Personalbeschaffung in der Praxis funktioniert – nicht nur in der Theorie. Die Umfrage läuft bis Ende August, und jede Antwort trägt zum Gesamtbild bei. Je mehr Menschen teilnehmen, desto nützlicher werden die Ergebnisse für den gesamten Sektor sein.